Die Apfelwaschanlage steht still, als wir am Bläsiberg ankommen. Mehrere Hundert Äpfel warten auf dem Förderband am Rande des Wasserbeckens bis die Wildwasserfahrt beginnt. Währenddessen packen junge Männer und Frauen nebenan in der Lagerhalle des Demeter-Obstgutes eifrig zahlreiche Bio-Abokisten mit Allerlei Gemüse und Kräutern für die Kunden im Tübinger Umland. Holger Schell, einer der Geschäftsführer erklärt, auch im Bio-Bereich müsse der Obstbauer auf die Norm achten.

Nur der marktkonforme Apfel mit dem Erscheinungsbild wie aus dem Bilderbuch oder aus der Hochglanzbroschüre findet den Weg in die vorderste Napfkiste: Die No.1. Die Bio-Schickeria verlangt es. Wenig später in der Obstabteilung eines Bio-Marktes treffen beide aufeinander. Die kleinste Rauheit an der Oberfläche des Apfels oder eine geringe farbliche Variation der Natur, schon braucht Herr Schell damit nicht mehr an der Laderampe im Bio-Markt aufzukreuzen. Im Hintergrund beginnt derweil die Apfelwaschanlage wieder mit der Arbeit. Apfel für Apfel wird vollautomatisch auf einem Band mit feinen Borsten ins tiefe Wasserbecken beföferdert. Alles läuft sanft und ohne Druck. Lustig dümplen sie an der Wasseroberfläche schwimmend dahin, bis am anderen Ende des Beckens die nächste mit Bürsten präparierte Förderband greift und die Äpfel aufnimmt. So geht es über mehrere Stationen und Becken. Blätter, Zweigchen und Gräser fallen ab. Erde und klebefeuchte Laubfetzen werden behutsam abgespült. Nach einer Fahrt durch den halben Laden werden dann alle Äpfel zur Sortierung vorbereitet. Das geschieht mit geschultem Blick und in Handarbeit. Herr Schell führt mal eben vor, wie das Ganze abläuft. Mit Schablonen, die in allen Regenbogenfarben wie zu einem Schlüsselbund gefasst sind und unterschiedlich große kreisrunde Öffnungen vorweisen, prüft Herr Schell den Umfang eines jeden Apfels. Wer optimale Maße aufweist und äußerlich einen kerngesunden Eindruck vermittelt und frei ist von Makeln, der darf in Kiste No. 1. Der „Rest“ kriegt nie einen Bio-Kunden zu Gesicht, zumindest nicht in dieser Gestalt. Stattdessen wird dieser verarbeitet : zu Apfelmuß, im Kuchen und so weiter. All zu oft pfeift die Natur auf Einheit und Konformität. Wir auch und nehmen die große Kiste No.2 mit den duftenden Topaz-Äpfeln leicht unförmig, hier und da ein paar oberflächlich Verfärbungen an der Schale, aber unvergleich saftig, feinaromatisch mit leicht süß-säuerlich Note. Herr Schell findet es prima. Apfel von der Stange und in Massen gibt es wo anders. Schell ist stolz darauf. Es lebe die Vielfalt. Es lebe der Geschmack. Später am Tag finden die Äpfel ihre Vollendung im Cocktail-Glas. Begeisterte und oft genussdurstige Gäste bei der SlowFood-Messe freuen sich über einen „Spicy Veggie“. Darf es noch etwas mehr sein ?…